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Sonntag, 6. Juli 2008
Ich bin kein Alkoholiker
pille
08:40h
Paul Torday lässt einen erfolgreichen Softwareentwickler in Bordeaux ertrinken
Wenn lesende Enddreißiger in diesen Wochen einen Ratschlag beherzigen sollten, dann ist es dieser: Bloß nicht nachmachen! Enddreißiger - vor allem einsame Enddreißiger - mussten wir nämlich lesen, haben einen fatalen Hang zum Alkohol. Also: Bloß nicht soviel Sake zu sich nehmen wie die hinreißende 38-jährige Tsukiko in Hiromi Kawakamis "Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß". Und schon gar nicht derart am Rotwein hängen wie der 38-jährige Mr. Wilberforce in Paul Tordays "Bordeaux". Dem begegnen wir, wie er - leicht schwankend, den Kopf in den Nacken, die Augen in den abendlichen Himmel gehoben - aus einem Taxi in ein Nobelrestaurant fällt. Und da begeht er einen barbarischen Frevel, dem wir Romanfiguren normalerweise nicht durchgehen lassen würden. Wilberforce nämlich setzt sich schwer angetrunken und ein bisschen heruntergekommen aussehend, an den Tisch im leeren Lokal und bestellt eine Flasche des 1982er Chateau Pétrus zum Gegenwert von 3000 Pfund. Wilberforce gibt den Kenner, prahlt damit, welche Pétrus-Jahrgänge er schon inhaliert habe, behauptet er hätte einen Weinkeller im Norden mit hunderttausend Flaschen zum Gegenwert von einer Million Pfund. Er knabbert Fois gras beim Schlürfen und ein bisschen Lamm. Und auf einmal ist die Flasche leer. Wilberforce ordert eine zweite, die letzte ihrer Art, und fängt unmotiviert an zu singen ("Jesu, meine Freude"), weil er seine Frau Catherine im Raum wähnt. Es wird nicht sein einziger Wahn bleiben im Verlauf dieser Geschichte. Kaum hat man ihn - die zweite Pulle hat er (unfassbar!) noch angefangen - ins Taxi komplimentiert und um mehr als 6000 Pfund erleichtert, fällt er ins Koma. Was für eine Verschwendung. Wilberforce ist ein Wrack. Er ist 37, sieht aber mindestens doppelt so alt aus. Was vor allem daran liegt, dass er an schlechten Tagen drei, an guten Tagen viereinhalb Flaschen Wein zu sich nimmt. Sein Arzt gibt ihn auf. Sein Körper auch. Wilberforce - Motto: "So lange ich lebe, trinke ich, was ich kann" - hat aufgrund seinem fatalen Hang zum Bordeaux Krankheiten, die wirklich keiner haben will. Wernickes Enzephalopathie etwa (er bekommt seine Augen nicht mehr synchronisiert, wird apathisch und desorientiert). Nach gut achtzig Seiten wissen wir, dass Wilberforce finanziell komplett pleite und emotional komplett ausgehöhlt ist. Er wird von einem merkwürdigen Augenarzt heimgesucht, der ihn eine Tafel lesen lässt mit der Aufschrift "DNIDMFDDWF" und wähnt sich in Bogotá, verfolgt von einem nach Verwesung riechenden Mann. Wie soll diese Geschichte bloß weiter gehen? Paul Torday, bekannt seit seinem erzbritischen Debüt "Lachfischen im Jemen" - hat für seinen "Roman in vier Jahrgängen" eine literarisch relativ riskante Antwort gefunden: rückwärts. So erleben wir den Abstieg des ehemals erfolgreichen Software-Entwicklers Francis Wilberforce vom Tiefpunkt 2006 bis zu seinem glücklichen Beginn vier Jahre zuvor. In seinen eigenen Worten. Und einen unzuverlässigeren Erzähler als diesen unfreien Menschen mit dem Nachnamen des großen Sklavenbefreiers kann es eigentlich nicht geben. Er lügt sich und uns durch seine Geschichte. Aber er tut es auf eine faszinierend abstoßende und reizvolle Weise. Es ist eine durch und durch britische Geschichte. Torday - erst Dozent für englische Literatur am Pembroke College von Oxford, dann erfolgreicher Unternehmer, schließlich im fortgeschrittenen Alter Schriftsteller - hat eine moderne Gruselgeschichte geschrieben, eine stark alkoholisierte, stark modernisierte Gothic novel voller Gespenster. Von den Verlockungen des Weins und den Folgen auf den Seelenhaushalt handelt "Bordeaux", von Gier und Durst, von britischer Oberschicht, britischen Obsessionen und britischen Herrenhäusern, in deren Kellern alles möglich ist, von Liebe und Kontrollverlust. Wir erfahren, dass "DNIDMFDDWF" für "Die Nacht, in der meine Frau durch die Windschutzscheibe flog" steht, wie Wilberforce gebetsmühlenartig wiederholt, dass er kein Alkoholiker sei, sondern einer der Bordeaux' liebt wie andere Schmetterlinge. Wie dieser Experte für Software-Lösungen seine Software einfach nicht in den Griff bekommt. Und beginnen je mehr sich die Geschichte nach hinten hin aufhellt und leberschonender wird, zu ahnen, wie Francis Wilberforce wurde, der er am Anfang des Romans ist. Einer, der hektisch um eine leere Mitte kreist, die er geradezu zwanghaft füllen muss. Mit Zahlen, mit Arbeit, mit Wein. Ein menschliches Vakuum, das Torday sich auch hütet mit allzu viel überflüssiger Psychologie zu füllen. Und weil im Gegensatz zu Wilberforce unser seelisch-geistiges Koordinatensystem bombenfest in uns verankert ist, können wir diesen sehr erhellenden, aber niemals nach Broschüre für die Anonymen Alkoholiker riechenden Roman beruhigt zu Gemüte führen. Er mag nicht ganz den langen Abgang haben wie ein Pétrus, aber für mehrere wohlig gruselige Abende mit Chateau Gloria oder einem Chateau Phelan-Ségur reicht's allemal. P. S.: Bevor sich jemand ernsthaft Sorgen um Paul Torday macht: Am Schluss gibt er zu, die Chateau Latour-Martillac, Rauzan-Ségla, L'Églises-Clinet und vor allem Pétrus gar nie getrunken zu haben. Robert Parker - der schlechthinige Bordeaux-Experte - habe ihm ausgemalt, wie sie geschmeckt hätten. Aber sollen wir das glauben? Paul Torday: Bordeaux. A. d. Engl. v. Thomas Stegers. Berlin Verlag, Berlin. 368 S., 19,90 Euro. Von Elmar Krekeler, 5. Juli 2008, ... Comment |
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