| * Anonyme Alkoholiker * Berichte im Internet |
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Samstag, 28. Juni 2008
Ich entscheide jeden Tag, ob ich leben oder sterben will
pille
09:21h
Seit 1973, also seit nunmehr 35 Jahren, trifft sich in Traunstein die Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker. Hier nahm auch Alois erstmals an einem offenen Treffen teil. »Ich dachte mir, so ein Quatsch, was die da erzählen. Ohne mich. Ich habe meine Bierchen getrunken, wie jeder andere auch.« Das war kurz nachdem er seinen Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer abgeben musste und seine Ehefrau die Scheidung einreichte. Dass an allem der Alkohol schuld war, wollte der Ruhpoldinger damals nicht wahrhaben.
Alois trank weiter. »Jetzt erst recht, keiner schimpft mehr«, dachte er sich. Es ging weiter nach unten mit ihm; er verlor den Führerschein ein zweites Mal und eine weitere Partnerschaft ging ebenfalls wieder in die Brüche. Nun kündigte ihm die Firma die Entlassung an und er litt an starken Depressionen. Nach einer tagelangen Sauftour kam die Wende. »Ich konnte nicht mehr, ich war fertig« erinnert er sich. Er beschloss, wieder zu den »Anonymen Alkoholiker« zu gehen. Das waren drei Jahre nach seinem ersten Kontakt zu der Selbsthilfegruppe. »Nur für heute und nicht für immer« Seine neue Partnerin hatte sich zwischenzeitlich der Angehörigengruppe (die »AlAnon«-Gruppen) in Traunstein angeschlossen, in der sie Kraft und Hoffnung fand, um ihr Leben mit einem alkoholkranken Menschen zu bewältigen. Alois besucht regelmäßig die Zusammenkünfte in Traunstein. Seitdem ist er trocken. »Auf einmal habe ich es kapiert, um was es geht«, erzählt er, »dass es entscheidend ist, heute das erste Glas stehen zu lassen«. Früher, so erzählt er, habe er auch aufhören wollen, aber erst morgen, am Wochenende oder nach dem Urlaub. »Hier zählt nur, die nächsten 24 Stunden trocken zu bleiben«. Dass dieser Leitsatz es leichter macht, von der Flasche wegzukommen, bestätigen auch die anderen AA-Freunde, die sich an diesem Abend im Gruppenraum, im Pfarrheim St. Oswald, treffen. Silvia meint: »Mir hat es sehr geholfen, dass ich erst einmal wusste: es ist nur für heute und nicht für immer«. Denn ein Leben ohne Alkohol habe sie sich gar nicht vorstellen können. »Es gab tausend Gründe, um zu trinken: Freude, Wut, die blöde Schwiegermutter, den doofen Chef ...«, schmunzelt sie heute. Schritt für Schritt habe sie lernen müssen, die täglichen Schwierigkeiten ohne Wein und Whisky zu bewältigen. Und noch etwas habe sie bei den »Anonymen Alkoholiker« gelernt: sich einzugestehen, dass sie an einer unheilbaren Krankheit leidet, die jedoch zum Stillstand gebracht werden kann, wenn sie heute das erste Glas stehen lässt: »Ich entscheide jeden Tag, ob ich leben oder sterben will«, betont Silvia. Für die meisten AA-Mitglieder sind die regelmäßigen Treffen lebenswichtig, auch wenn sie schon mehrere Jahre trocken sind. Sie bleiben solange sie den Wunsch haben, nicht wieder zur Flasche zu greifen. Erwin, der kürzlich zu gezogen ist und sich der Traunsteiner Gruppe angeschlossen hat, denkt oft wochenlang nicht an die für ihn tödliche Droge. Trotzdem besucht er regelmäßig die Zusammenkünfte, nicht nur in Traunstein, sondern auch in Bad Reichenhall, Traunreut, Rosenheim oder sonst irgendwo in Südostbayern. Im südostbayerischen Raum gibt es über 25 AA-Gruppen und etwa zehn Angehörigengruppen. »Bei uns geht es nicht nur um den Alkohol«, erklärt Erwin, »sondern, dass wir lernen, ohne ihn zurecht zu kommen.« Da sei es eben hilfreich, sich einfach auszusprechen. Gerade das schätzen viele AA-Mitglieder an der Gruppe. »Ich weiß, hier kann ich mir meine Probleme von der Seele reden«, erzählt Beate, »und zwar ohne dass ich ausgelacht oder zur asozialen Alkoholikerin abgestempelt werde.« Hier treffen sich Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten: Arbeiter, Akademiker, Hausfrauen, Beamte und Angestellte, jung und alt. Alter und Beruf bleiben unangesprochen »Uns verbindet die leidvolle Erfahrung, die wir alle mit dem Alkohol machen mussten«, bestätigen auch Katharina und Helmut, die sich in der Angehörigengruppe treffen. »Wir können wieder lachen und uns am Leben mit unseren Partnern freuen«, sagen beide. Auch Dorothea, die Mutter einer alkoholkranken 20-Jährigen, weiß jetzt besser damit umzugehen, seit sie sich in der Selbsthilfegruppe austauschen kann. Die »Anonymen Alkoholiker« wurden 1935 von einem amerikanischen Börsenmakler und einem Chirurgen gegründet. Sie hatten festgestellt, dass ihr Zwang, zu trinken, schwand, sobald sie offen über ihre Krankheit, ihre Ängste, Nöte und Probleme sprachen. In Traunstein treffen sich die Anonymen Alkoholiker seit 35 Jahren, um miteinander Erfahrung, Kraft und Hoffnung zu teilen – wie es in der Präambel der Selbsthilfegruppe heißt. Die einzige Voraussetzung zur Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. Alle Mitglieder bleiben anonym, sie sprechen sich nur mit dem Vornamen an. Alter, Beruf, soziale Stellung und Herkunft bleiben unangesprochen. Die Gruppe trifft sich jeden Freitag um 19.30 Uhr im Pfarrheim St. Oswald; Kontakttelefon: 08669 / 35 63 41. Aus dem Traunsteiner Tagblatt ... Comment |
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Last modified: 2008.08.28, 05:42 Status
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