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Kritik an AA - Die Erste
Aus dem Tagebuch von Klaus D., Journalist
12 Februar 2007
Ich kehre zu meinen Anonymen Alkoholikern zurück.
Und damit bin ich beim zweiten Teil der Feststellung, mit der jeder Besucher einer AA-Gruppe seinen Redenbeitrag einleitet: er (oder sie) bezeichnet sich nämlich als „Alkoholiker“(Für Feministinnen: -innen.) Auch hier haben wir es mit dem Ausdruck mit einer Ideologie zu tun, die nicht diskutiert werden darf. Dabei geht es im Grunde um eine Definition, die dahin geht, dass nur derjenige als Alkoholiker zu bezeichnen ist, der den sog. Kontrollverlust erlitten hat.
Das ist ein Phänomen, das seit dem 18. Jahrhundert bekannt ist und schon von Gotthold Ephraim Lessing beschrieben wurde, aber seit dem Beginn des 19. Jahrhundert in der medizinischen Literatur auftaucht. Dass Äthanol ein Nervengift ist, weiß man etwa seit 1830, wobei man im 19. Jahrhundert dann von einer Krankheit sprach, wenn durch den Alkoholkonsum körperliche oder geistige Schäden eingetreten waren, die einer ärztlichen Behandlung bedurften.
Diese Definition wurde durch die Anonymen Alkoholiker einer entscheidenden Einengung unterworfen. Nach ihrem Dogma, das nunmehr allgemein verbindlich wurde, war nur derjenige alkoholkrank, der dem Toleranzbruch unterworfen war, also unfähig war, aus eigenem Willen den Äthanolkonsum einzustellen, wenn er einmal damit begonnen hatte.
Damit galten zunächst alle anderen toxischen Schäden, obwohl sie durch den Alkohol-Abusus verursacht wurden, nicht mehr als Alkoholismus. Auch war derjenige jedenfalls nicht am Alkoholismus erkrankt, der zwar erheblich geschädigt war, aber eben keinen Toleranzbruch zeigte. Dass eine solche Definition ideologisch, nicht aber medizinisch begründet war, fiel und fällt niemandem auf.
Wichtig wurde sie aber deswegen, weil nach Ansicht der Anonymen Alkoholiker der Toleranzbruch nicht rückgängig gemacht werden kann (was bestritten wird), woraus nach ihrer Ansicht folgt, dass der Alkoholismus zwar zum Stillstand gebracht, nicht aber geheilt werden kann.
Der Fall, dass jemand, der im Sinne der AA alkoholkrank war, die physischen, psychischen und sozialen Schäden seiner Krankheit überwinden und damit als gesund gelten kann, überzeugt sie nicht, denn er würde ja wieder krank, wenn er das Gift wieder zu sich nähme. Was natürlich Quatsch ist, denn nach dieser Logik bin ich bereits tot, denn ich würde ja sterben, wenn ich Zyankali schluckte, was ich natürlich nicht tue. Falsch, würde hier ein Vertreter der AA sagen, denn der Konsum von Zyankali ist nicht normal, wohl der von Alkohol, womit wir endlich auf der Kaiserlichen Werft angekommen wären: Den Anonymen Alkoholikern geht es eben nicht, wie eben schon gesagt, um Wissenschaft, sondern um Ideologe: Sie wollen darlegen, dass der Konsum von Alkohol der Norm entspricht, der Abusus auf der einen und die Abstinenz auf der anderen Seite aber extremistische Positionen sind, die als solche abgelehnt werden müssen.
Wenn also der Alkoholiker, weil er den Toleranzbruch erlitten hat, keine äthanolhaltigen Getränke mehr zu sich nehmen darf, dann nimmt er eine Position ein, die ihn aus der Gesellschaft der Normalen ausschließt. Das aber akzeptiert er, indem er entschuldigend sagt: Ich bin Alkoholiker. Und indem er nur seinen Vornamen nennt, bekennt er sich, wie ein Sklave, der dann notwendigerweise die Unterwerfung unter eine die anonyme Instanz in New York und ihre Ideologe zur Folge hat.
Kurz gesagt: an die Stelle der Entmündigung durch die Droge tritt die Entmündigung durch die Organisation der Anonymen Alkoholiker und die zwölf Schritte sowie die 12 „Traditionen“. Dass es dann verboten ist, die Ideologie auch nur ansatzweise zu diskutieren, rundet das Bild einer Sekte ab, die diejenigen, die sich ihr anvertrauen, vielleicht trocken legt, in anderer Weise aber neurotisiert, auf jedenfalls von der Macht, die größer ist also sie selbst, konkret von den Intentionen der anonymen Zentrale in New York abhängig hält – und darauf kam es den Designern dieser Organisation an.
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13 Februar 2007
Vor einigen Jahrzehnten waren die Anonymen Alkoholiker in Oldenburg sehr aktiv und betrieben eine intensive Öffentlichkeitsarbeit, bei der sie sich besonders der Hilfe evangelischer Pastoren bedienten, welche die Organisation sehr gerne förderten, war doch in ihr stets von Gott die Rede bzw. von der Macht, die größer ist als der jeweilige Sprecher – wer tat das noch? Also musste es doch auf den Gruppensitzungen sehr christlich zugehen, meinten die geistlichen Damen und Herren und räumten gerne ihre Gemeindehäuser, damit die Anonymen dort ungestört tagen konnten, denn wenn sie sich versammelten, durfte sonst niemand das jeweilige Gebäude, ja, das Grundstück betreten, denn man war ja anonym – und die Pastoren parierten. Und sie taten noch ein Übriges: sie luden die Gemeinde zu Veranstaltungen ein, in denen über Alkoholismus gesprochen werden sollte.
Nun gehörte ich damals auch der evangelischen Kirche an, darüber hinaus aber war ich Guttempler, die in jenen Jahren in Oldenburg mehrere Gruppen unterhielten, für die ich Öffentlichkeitsarbeit betrieb. Ich ging also zu dem Pastoren hin und erklärte ihm, dass er einseitig handle, wenn er mich als Sprecher der Konkurrenz nicht auch einlud, was der einsah. Die Anonymen Alkoholiker stimmten zähneknirschend zu, meinten aber, dass zunächst über die Krankheit selbst informiert werden müsse, bevor ich zu Wort kommen dürfe, was ich nun zugestand.
Der Abend kam zustande und nun spielte sich Folgendes ab: Zunächst legte ein Arzt dar, was Alkoholismus sei und wer als Alkoholiker zu gelten habe – all das natürlich nach dem Muster der Anonymen Alkoholiker. Das war der „wissenschaftliche“ Beitrag. Danach schilderte ein Betroffener – natürlich ein Mann der Anonymen Alkoholiker – wie er den Alkoholismus erlebt und wie die AA dank der zwölf Schritte ihm geholfen hätten. Dann kam eine Angehörige, die darlegte, wie es ihr ergangen war und wie ihr die AA dank der zwölf Schritte geholfen hätten. Und leider ist ja auch die Jugend von dem Übel betroffen, weswegen eine Vertreterin der Alateen zu Wort kam, die ihre Rede auch mit dem Hinweis auf die zwölf Schritte und die zwölf Traditionen der Anonymen Alkoholiker beendete. War das Programm damit beendet? Der Pastor stand auf und seufzte: Ach, Herr Dede, Sie wollten uns noch etwas über die Guttempler sagen – aber kurz bitte.
Und ich machte es kurz mit der Folge, dass sich die Zuhörer in der folgenden Diskussion an mich wandten und die Vertreter der Anonymen Alkoholiker schweigend daneben saßen. Das machten sie nur einmal mit – dann fanden diese Veranstaltungen nicht mehr statt. Mir wurde bei dieser Gelegenheit bewusst, dass die Organisation der Anonymen Alkoholiker, die erklärtermaßen die Krankheit, für die sie zuständig ist, weder heilen kann noch will – ihr geht es um etwas ganz Anderes: um Macht. Und die übt sie aus, indem sie jede Konkurrenz vom Markt fegt.
Wie das geschieht? Nun – auf eine sehr nette Weise. Die Anonymen Alkoholiker, so hatte ich gesagt, diskutieren nicht. Das gilt nicht nur nach innen, also innerhalb der Gruppen, sondern auch nach außen. Mit anderen Worten: Sie sind zwar ungehemmt im Eigenlob, nehmen aber zu Kritik, beispielsweise dieser, prinzipiell nicht Stellung. Da die Anonymen Alkoholiker aber von sich sagen, dass sie gut sind, andererseits niemanden kritisieren und zu keiner Kritik etwas sagen, gilt es als unanständig, ein negatives Urteil zur Praxis oder gar zur Ideologie der AA zu fällen, woraus folgt, dass sie nicht nur nach eigenem Urteil gut sind, sondern auch nach der Meinung der Anderen. Wenn aber die Anonymen Alkoholiker richtig handeln, ist die Praxis aller Anderen, beispielsweise der Guttempler, falsch und wenn diese falsch ist, müssen sie entweder ihre Methode im Sinne der Alkoholiker ändern, was sie getan haben, oder aber aufgeben, denn eine Alternative ist, wenn wir dieser Logik folgen, nicht möglich. So weit der theoretische Gang der Handlung – und wie sieht die Praxis aus? Wie setzen die Anonymen Alkoholiker ihren Anspruch in die Tat um, wenn sie sich nur darauf beschränken, ihre zwölf Schritte und zwölf „Traditionen“ immer wieder zu drucken und an Beispielen zu erläutern?
Nun, das besorgen die vielen Helfer, die sich dieser Ideologie verpflichtet fühlen und als Ärzte auch an ihr hervorragend verdienen, indem sie im Geiste der AA Kliniken und Praxen unterhalten – sie besorgen auf eigene Rechnung die Repression, auf welche die New Yorker Institution selbst leicht verzichten kann, so wie ich das in Oldenburg erleben konnte: natürlich wurde ich, nachdem sich herausgestellt hatte, wie der Hase lief, wenn ich als Guttempler auftauchte, nicht mehr eingeladen – und die Guttempler? Auch sie reagierten auf meinen Auftritt, aber nicht so, wie ich das gedacht hatte, denn für den Pastoren war ich der in der geschilderten Veranstaltung derjenige, der die Harmonie des Abends gestört hatte. Es wäre doch alles so schön friedlich gewesen, wenn der Dede nicht gewesen wäre. Hat das irgend jemand aus dem Kreise der Anonymen Alkoholiker gesagt? Natürlich nicht! Das ergab sich einfach aus der Situation: wenn sich fünf Sprecher einig sind und dann äußert ein sechster eine abweichende Meinung, ist er natürlich im Unrecht, weil er ein Gefühl des Unbehagens weckt, also will man den nicht wiederhaben. Ich war also draußen, mehr noch: die Guttempler selbst wollten nicht als die Störenfriede erscheinen – sie delegierten mich auch also auch nicht mehr.
Damit beherrschten die Anonymen Alkoholiker den Markt – nicht nur in Oldenburg. Wie sehr die Lehre der Anonymen Alkoholiker sich durchgesetzt hat, sieht man daran, dass selbst die Reformhäuser, die einmal von Abstinenzlern gegründet wurden, heute Wein verkaufen, und dass sich die Inhaber von Naturkostgeschäften zwar Gedanken über irgendwelche chemischen Rückstände in ihren Weinflaschen machen, nicht aber über toxische Wirkung des Äthanols in dem Getränk. Wie sehr dank der Agitation durch die Anonymen Alkoholiker die Abstinenz der Guttempler aus dem Bewusstsein der Menschen verdrängt ist, wurde mir deutlich, als ein Student mich nach einem Vortrag über die Vorzüge einer äthanolfreien Lebensweise flüsternd fragte: „Meinen Sie wirklich, dass man ohne Alkohol leben kann?“ Ja, man kann.
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14 Februar 2007
Die Gründungslegende der Anonymen Alkoholiker besagt, dass die Organisation im Jahre 1935 in Akron/Ohio entstand, also zwei Jahre nach der Aufhebung der Prohibition in den USA, als die Folgen dieser Entscheidung langsam deutlich wurden, die darin bestanden, dass man einerseits die sozialen Folgen des Alkoholismus wieder spürte, während andererseits die Kriminalität in den Städten keineswegs zurückging, sich allenfalls andere Tätigkeitsfelder suchte.
In dieser Situation muss in den Vorstandsetagen an der Ostküste, hier ist das Stichwort „Rockefeller“am Platze, die Befürchtung wach geworden sein, dass sich eine neue Bewegung entfalten könne, welche sich zum Ziel setzte, die freie Entfaltung Drogen-Industrie zu behindern. Man brauchte also eine Organisation, die das bereits im Ansatz verhinderte. Die konnte natürlich nicht spontan entstehen, sondern war das Ergebnis einer minutiösen Planungsarbeit von Fachleuten, das dann mit viel Geld systematisch ins Werk gesetzt wurde und zwar zunächst in den USA und dann, nach der Befreiung, auch in Deutschland, wo sich die klassischen alkoholgegnerischen Organisationen in der Nazizeit hoffnungslos diskreditiert hatten.
So entstanden also die Anonymen Alkoholiker, nur dass ihre reale Geschichte nicht bekannt ist, stattdessen hat man die bekannte Gründungslegende gestrickt, die dem amerikanischen Muster entspricht, das immer darauf hinausläuft, dass ein Übel durch den einsamen Helden behoben wird, der sich trotz aller Widerstände eben doch – im letzten Moment, versteht sich – durchsetzt und dann den Beifall aller erhält. Und weil die Geschichte so oft erzählt wurde, wird sie wohl auch in diesem Fall stimmen, oder?
Doch schauen wir uns die Ideologie der Anonymen Alkoholiker einmal näher an:
Am Anfang steht die Erleuchtung der beiden Gründer Bill und Bob, wobei Bob nur derjenige ist, der Bill die Stichworte gibt, während Bill die zündenden Ideen hat. („Elementary, dear Watson...“) Ihre Offenbarung ist ebenso unverrückbar wahr wie die Bibel, der Koran, das Buch Mormon und andere Quellen dieser Art. Die Wissenschaft hat in diesem Kontext die Funktion, die Theorie der Anonymen Alkoholiker zu bestätigen, keinesfalls zu falsifizieren. · Während die Abstinenzler den Alkoholismus schlicht auf den Konsum des Alkohols zurückführen, weisen die Anonymen Alkoholiker den Gedanken zurück, denn Äthanol an sich ist ihrer Ansicht nach nicht toxisch, wird es vielmehr erst, wenn es im Übermaß genossen wird. Auch Tomaten, so das Prinzip, können als Gift wirken, wenn man zu viele von ihnen isst, also ist es an sich normal, mithin richtig, äthanolhaltige Getränke zu sich zu nehmen. Erst wenn man den Kontrollverlust erlitten hat, sollte man darauf verzichten, aber wer das tut, muss sich rechtfertigen, indem er sich und andere darauf hinweist: Ich heiße Emil und bin Alkoholiker und bin einer höheren Macht erlegen, also weder verantwortlich noch heilbar.
Demnach ist der Alkoholismus nichts weiter als eine Neurose. Eine solche äußert sich darin, dass ein Mensch etwas, was an sich sinnvoll ist, zwanghaft immer wiederholt. So ist es beispielsweise nicht falsch, sich gelegentlich die Hände zu wachsen, wenn das aber jemand alle zehn Minuten wiederholt, leidet er an einem Waschzwang oder, wie wir nach dieser Theorie auch sagen könnten, an einer Waschsucht. Auf Grund dieser Analogie kann man also beliebig viele Süchte erfinden mit der Folge, dass die einschlägigen Ärzte ihre Tätigkeitsfelder ins Unendliche ausdehnen können.
Wenn aber der Alkoholismus eine Neurose ist, dann kann dieses Übel auch nicht durch irgendwelche politischen Maßnahmen bekämpft werden, schließlich kommt ja auch niemand auf die Idee, den Waschzwang aus der Welt zu bringen, indem man keine Seife mehr produziert. Wenn man hinzu fügt, dass die Anonymen Alkoholiker jede Diskussion ihrer Theorie bereits im Ansatz unterbinden, diese aber inzwischen allgemein verbindlich wurde, ist damit jeder Ansatz zu einer politischen Bearbeitung des sozialen Problems unterdrückt, was zur Folge hat, dass der Deutsche Bundestag in den sechzig Jahren seines Bestehens das Thema nicht ein einziges Mal erörtert hat, obwohl es in dieser Republik etwa zweieinhalb Millionen alkoholkranke – Familien gibt. Vergleichen wir das einmal mit der Zahl der Heroin-Abhängigen oder der Aids-Kranken, dann verstehen wir, welch mächtige Interessen hier am Werke sind, die verhindern, dass ein soziales Problem, das faktisch jeden in Deutschland so oder so berührt, nicht zum Thema der öffentlichen Debatte wird.
Darüber versprechen die Anonymen Alkoholiker, dass sie die Entsorgung der Alkoholiker kostenlos ins Werk setzen, denn wenn tatsächlich jemand den Kontrollverlust erlitten haben sollte – vorher ist er ja kerngesund! -, braucht er (oder sie) ja nur eine Gruppe der AA zu besuchen du sich im übrigen an die erste Regel zu halten, die er dort erfährt: Lass heute das erste Glas stehen. Wer das für den Rest seines Lebens 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche praktiziert, lebt faktisch alkoholfrei.
Für diejenigen, die auch im Sinne der Anonymen Alkoholiker krank sind, stehen aber nach dieser Lehre auch Ärzte zur Verfügung, so dass wir es im Gegensatz zum 19. Jahrhundert mit einer Koalition zu tun haben, die einmal aus den Produzenten der Droge besteht und zum anderen aus den Angehörigen jener Berufe, die sich der Alkholiker-Entsorgung annehmen und sie inzwischen einen enormen, vor allem lohnintensiven Industriezweig bilden.
Die Anonymen Alkoholiker bilden in diesem Interessen-Geflecht die Kulisse, vor der die beteiligten eine intensive Scheindiskussion führen, während dahinter das eigentliche Drama stattfindet, will sagen: die Geschäfte abgewickelt werden, um die es wirklich geht, von denen aber nicht die Rede sein darf, damit niemand auf die Idee kommt, sie zu stören. Was ich hiermit tue.
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