| * Anonyme Alkoholiker * Berichte im Internet |
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Dienstag, 15. Juli 2008
Das kann es nicht gewesen sein
pille
15:56h
Anna Sommers*Name geändert* Leben geriet völlig aus der Bahn - Nach jahrelanger Odyssee Hilfe gefunden
Von Marie-Luise Neumann Schweina – Dass sie ganz unten war, merkt man der quirligen Frau mit den wachen Augen nicht an. Entspannt sitzt sie in ihrem Ohrensessel. Das Zimmer ist sonnengelb gestrichen, an den Wänden hängen viele Familienfotos. Zwei Mädchen lachen aus unterschiedlichen Perspektiven in die Kamera. Doch die Idylle trügt. Das Zimmer gehört nicht zu einem schmucken Einfamilienhaus am Stadtrand. Das Zimmer ist Teil des Trainingswohnens im sozialtherapeutischen Zentrum für suchtkranke Menschen in Schweina. Hier lebt Anna Sommer* seit einem Jahr. Die 48-Jährige ist Alkoholikerin. Dass sie einmal in einem Heim für schwerstsuchtkranke Menschen leben würde, hätte sie wohl nicht mal im Traum gedacht. Damals, als alles scheinbar nach Plan lief: Das Studium zur Berufsschullehrerin, die Heirat nach Potsdam und die Geburt der beiden Töchter. Nach dem politischen Umbruch 1989 dann der berufliche Aufstieg: Arbeit für das Brandenburger Sozialministerium und später für den paritätischen Wohlfahrtsverband. Aufstieg zur Referentin der Geschäftsleitung. Auch in der spärlichen Freizeit gönnt sich Anna Sommer keine Ruhe – gründet unter anderem die Grünen in Brandenburg mit. „Das war eine superspannende Zeit“, erinnert sie sich. Eine spannende Zeit, in der es auch immer wieder Anlässe für ein Glas Sekt gab. Getrunken habe sie damals „wie jeder andere auch“. Am Abend mal ein Glas Wein, am Wochenende etwas mehr. Dann irgendwann gönnt sich Anna Sommer täglich nach Feierabend zwei Gläser Wein. „Als Absacker und, um mich nach einem anstrengenden Tag auf die Kinder konzentrieren zu können.“ Kontinuierlich steigert sie die Alkoholmenge – bis eine Flasche schließlich nur noch für einen Abend reicht. Gut geschlafen habe sie in dieser Zeit und den Alltag noch ohne Probleme meistern können. „Ich dachte damals, ich bin ein glücklicher Mensch.“ Erst im Rückblick werden ihr bestimmte Verhaltensweisen als erste Anzeichen der Sucht bewusst. So zum Beispiel der ständige Wechsel der Einkaufsmärkte, damit niemand weiß, wie oft pro Woche sie wie viele Flaschen mit nach Haus nimmt. Oder die übervollen Einkaufswagen, in denen die Weinflaschen nicht auffallen. „Ich hatte tonnenweise Chips zu Hause.“ Weder Anna Sommer selbst noch ihr Umfeld nehmen Anstoß an dem regelmäßigen Alkoholkonsum. „Ich habe das damals nicht als problematisch empfunden“, sagt die heute 48-Jährige. Bis zu dem Tag, an dem sie völlig kopflos und panisch eine wichtige Sitzung verlässt und ziellos auf die Straße rennt. „Ich wollte nur noch weg und meine Ruhe haben.“ Danach geht es bergab. Kurz darauf fährt Anna Sommer mit etlichen Flaschen Alkohol und „allen Tabletten, die ich im Medizinschrank finden konnte“, in ein entlegenes Waldstück und versucht sich umzubringen. Der erste von mehreren Suizidversuchen in den folgenden Jahren. Nach drei Tagen wacht sie wieder auf und fährt nach Hause. Wenig später, es ist das Jahr 1994, wird die junge Frau zum ersten Mal in die Psychiatrie eingewiesen. Geholfen hat es ihr nicht. Kurz nach der Entlassung beginnt sie erneut zu trinken, muss zur Entgiftung und verliert ihre Arbeitsstelle. „Da war ich aber gar nicht so böse drum – ich hatte ja die Kinder.“ Doch die erhoffte Harmonie zu Hause verkehrt sich ins Gegenteil. Die Ehe gerät in eine schwere Krise. 1997 packt Anna Sommer ihre Koffer und zieht in ihre Geburtsstadt Eisenach. Da hat sie gerade eine Langzeittherapie in einem Frauenzentrum in Hessen hinter sich. Die jüngere Tochter holt sie wenig später nach. „Das überlegt man sich gut, ob man die Kinder zu einer arbeitslosen Säufermutter holt“, erinnert sie sich. Der Ehemann arbeitet inzwischen als Schulleiter an einem Potsdamer Gymnasium. Er erreicht, dass die Tochter 2001 schließlich zu ihm zurückkehrt. Bei einem Treffen der anonymen Alkoholiker in Eisenach lernt Anna Sommer einen neuen Partner kennen. Auf Wochen und Monate, in denen sie trocken ist, folgen Zeiten, in denen der triste Alltag mit mehreren Flaschen Rotwein täglich betäubt wird. Als auch diese Beziehung 2004 zerbricht, verliert sie endgültig den Halt, wird regelmäßig zur Entgiftung ins Krankenhaus eingeliefert. Hinzu kommen Schulden, die ihr der Ex-Freund hinterlassen hat. „Ich hatte keinen Lebenswillen mehr“, sagt sie und: „Hätte ich meine Mutter nicht gehabt, wäre ich schon längst tot.“ Regelmäßig habe sie in dieser Zeit versucht, sich vor den Zug zu werfen. Das Tragische sei gewesen, „dass ich für eine Alkoholikerin immer noch zu gut aussah und auch noch gut reden konnte.“ Als sie einen gesetzlichen Betreuer und Rente beantragt, will man ihr in den zuständigen Behörden anfänglich kaum glauben. Der bewilligte Betreuer vermittelt Anna Sommer dann aber einen Platz in einem Altenheim im Harz mit zwei geschlossenen Stationen für psychisch- und alkoholkranke Menschen. „Dort angekommen, habe ich erst einmal begriffen, wo ich bin – ganz unten“, beschreibt sie ihre Eindrücke. Von Januar 2005 bis Dezember 2006 lebt sie ohne Privatsphäre auf engstem Raum mit schwerst Demenzkranken. Vom Pflegepersonal fühlt sie sich „wie der letzte Abschaum“ behandelt. Für einen Fluchtversuch erhält sie drei Monate Ausgangsverbot. Erstmals bekommt sie hier jedoch Antidepressiva verschrieben – eine endogene Depression wird diagnostiziert. Eine Erkrankung, deren Symptome sie jahrelang durch den Alkohol zu lindern versuchte, erfährt sie später. Die Medikamente schlagen nach einigen Monaten an. „Nee, Sommer, das kann es noch nicht gewesen sein“, habe sie sich gesagt. „Ich wollte nicht mehr sterben, wusste aber auch nicht, wie ich leben soll.“ Sie beginnt sich zu informieren und findet das sozialtherapeutische Zentrum für suchtkranke Menschen „Noah“ in Schweina, das von den Christliche Wohnstätten Schmalkalden GmbH geführt wird. In dessen Wohnheim lebt Anna Sommer nun seit einem Jahr. Ende April hat sie ein Zimmer im Trainingswohnen bezogen. Hier werden die Suchtkranken in Wohngemeinschaften auf den Alltag außerhalb der Einrichtung vorbereitet. Zwei Rückfälle hatte die 48-Jährige, die sie jedoch mit Hilfe der Therapeuten im Haus Noah für sich und ihr zukünftiges Leben gut bearbeiten konnte. Der letzte war Anfang April. Doch sie ist zuversichtlich, die Sucht dauerhaft in den Griff zu bekommen. Das Jahr in Schweina habe sie verändert, sagt Anna Sommer. Sie hat wieder Freude am Leben gefunden, engagiert sich aktiv im Heimbeirat und Qualitätszirkel des Hauses. Dazu beigetragen habe, „dass man hier als Mensch geachtet wird“. Ab September will sie einen weiteren Schritt zurück ins Leben gehen. Dann beginnt sie ein Praktikum bei der Suchtkrankenhilfe in Schmalkalden. Das nächste Ziel ist eine eigene Wohnung im Frühjahr 2009. Das darauffolgende Weihnachten, so ihr Wunsch, wird sie dann endlich wieder zusammen mit ihren Töchtern feiern können. Ressort Thüringen / Erschienen am 15.07.2008 ... Link (0 comments) ... Comment |
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